Erste HilfeMathematik

Zählen statt Rechnen – das Kernproblem

Fast alle Kinder zählen, wenn sie in die Schule kommen. Das ist normal. Zum Problem wird es, wenn ein Kind dabei stehen bleibt.

Alles zählen1, 2, 3, 4 … 74Weiterzählen5, 6, 7Ableiten3 + 3 + 17Wissen7
Vier Stufen bei der Aufgabe 4 + 3
PISA 2025

Ein Problem, das in der ersten Klasse beginnt

Bei PISA 2025 erreichten die Fünfzehnjährigen in Deutschland in Mathematik nur noch 464 Punkte. 2022 waren es 475, 2012 noch 514. Rund einem Drittel der Jugendlichen fehlen mathematische Basiskompetenzen.

Schon in der Grundschule zeigt sich dasselbe Bild: Im IQB-Bildungstrend 2021 verfehlten rund 22 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler die Mindeststandards in Mathematik. Etwa jedes fünfte Kind verlässt die Grundschule mit erheblichen Lücken in den Grundlagen.

Quellen: OECD 2026, Lewalter et al. 2023, Stanat et al. 2022

46048050052020125142015201820222025464
PISA Mathematik Deutschland, Punkte
Kleine Lücken, große Folgen

Mathematik baut aufeinander auf

Fast alles Neue baut auf etwas Altem auf. Wer nie verstanden hat, was bei 234 die 2, die 3 und die 4 bedeuten, weiß später auch bei 4,35 nicht, warum die 3 mehr wert ist als die 5. Wer beim Zehnerübergang noch zählen muss, verliert beim schriftlichen Rechnen den Überblick.

Die Schwierigkeiten eines Fünftklässlers mit Brüchen haben ihre Wurzeln häufig in der ersten Klasse.

fehlende Mengenvorstellungzählendes Rechnenunsichere Zerlegungenschwacher StellenwertRegeln ohne VerständnisProbleme mit Einmaleins, Brüchen, Prozenten
Diese Kette ist kein Naturgesetz – aber sie beschreibt genau, was bei vielen Kindern zu beobachten ist.
Vom Alleszählen zum Rechnen

Vier Stufen bei 4 + 3

Die Forschung beschreibt eine typische Entwicklung (Carpenter & Moser 1984; Gaidoschik 2010). Ziel des ersten Schuljahres: im Zahlenraum bis 10 weitgehend auf den beiden letzten Stufen ankommen.

  1. Alles zählenVier Finger, drei Finger, dann alle: „1, 2, 3, 4, 5, 6, 7“.
  2. WeiterzählenBei 4 beginnen und drei weiter: „5, 6, 7“.
  3. Ableiten„3 + 3 sind 6, also ist 4 + 3 eins mehr: 7.“
  4. WissenDas Kind weiß das Ergebnis einfach.

Ableiten ist kein Umweg, sondern der eigentliche Motor: Aufgaben, die ein Kind ableiten kann, weiß es bald auswendig.

Was eine große Studie zeigt

Nach einem Jahr zählt jedes vierte Kind noch

Michael Gaidoschik begleitete 139 Kinder aus 22 zufällig ausgewählten Klassen durch das erste Schuljahr. Am Ende löste nur etwa ein Drittel die Grundaufgaben überwiegend durch Wissen und Ableiten. Rund 27 Prozent rechneten noch überwiegend zählend (Gaidoschik 2010).

Zum Vergleich: Chinesische Kinder lösten am Ende des ersten Schuljahres 91 Prozent der Grundaufgaben bis 20 durch Faktenabruf (Geary et al. 1996).

Bemerkenswert: Kinder, die zu Schulbeginn kleine Mengen gut „auf einen Blick“ erfassen konnten, waren am Schuljahresende deutlich häufiger erfolgreich.

≈ 1/3 rechnet ableitend≈ 27 % zählen nochMischformen139 Kinder, Ende Klasse 1
Warum Zählen eine Sackgasse ist

Wer krabbelt, kommt vorwärts – aber nicht weit

  • Es funktioniert nur im kleinen Zahlenraum. Bis 20 fällt es kaum auf. Bei 47 + 38 bricht es zusammen.
  • Es ist fehleranfällig. Typisch sind Ergebnisse, die um genau eins danebenliegen.
  • Es verbraucht das Arbeitsgedächtnis. Für den eigentlichen Rechenweg ist kein Kopf mehr frei.
  • Es verhindert, dass Zahlbeziehungen sichtbar werden. Wer 8 + 7 weiterzählt, erfährt nicht, dass 8 + 2 = 10 ist.
  • Es stützt eine ordinale Zahlvorstellung. Die 7 ist „die Siebte“ in einer Reihe – ein Platz, keine Menge.

Kurz: Zählende Kinder lernen aus ihren Rechnungen nichts dazu. Jede Aufgabe beginnt von vorn.

81015+2+5Zählen: 7 kleine Schritte · Rechnen: 2 Sprünge

Zwei Kinder, eine Aufgabe: 8 + 7

Kind A zählt
9101112131415

„9, 10, 11, 12, 13, 14, 15“

Kind B rechnet

„8 und 2 sind 10, dann noch 5“

Ein Arbeitsblatt oder ein Test, der nur das Ergebnis prüft, kann die beiden Kinder nicht unterscheiden. Die entscheidende Frage lautet: Was geschieht dabei im Kopf des Kindes?

Woran man zählendes Rechnen erkennt

  • Bei fast jeder Aufgabe werden die Finger benutzt – offen oder versteckt unter dem Tisch.
  • Auch kleine, übersichtliche Mengen werden einzeln abgezählt.
  • Gerade gelöste Aufgaben werden kurz darauf erneut ausgezählt.
  • Ergebnisse liegen häufig um genau eins daneben.
  • Bei größeren Zahlen wird das Rechnen auffällig langsam.
  • Das Kind kann nicht erklären, wie es gerechnet hat: „Ich hab’s halt gezählt.“
  • Lippen oder Kopf bewegen sich rhythmisch mit.

Auf dem Tablet hilft der Rechen-Check beim genauen Hinsehen.

Wann handeln?

Dass Kinder in den ersten Schulmonaten viel zählen, ist kein Grund zur Sorge. Spätestens nach Weihnachten oder zum Halbjahr der ersten Klasse sollten Eltern und Lehrkraft gemeinsam hinsehen. Am Ende der ersten Klasse ist es höchste Zeit für gezielte Hilfe. Der Knoten platzt in Mathematik fast nie von selbst – je länger ein Kind zählt, desto mehr verfestigt sich diese Strategie.

Aus der Förderpraxis

Viele Kinder, die zu mir kommen, haben gelernt, ihr Zählen zu verbergen. Sie tippen mit den Fingern auf den Oberschenkel, bewegen die Zehen im Schuh oder nicken im Takt. Sie wissen, dass Zählen „nicht erwünscht“ ist – aber sie haben keine Alternative. Ein Verbot hilft nicht. Das Kind braucht etwas, das an die Stelle des Zählens treten kann.

Was an die Stelle des Zählens tritt

Drei Grundvorstellungen statt Zählen

Kindern mit Rechenschwierigkeiten fehlen fast immer dieselben drei Vorstellungen. Sie lassen sich gezielt aufbauen – mit wenig Material und viel Gespräch.

Vom Handeln zur Vorstellung

Vorstellungen entstehen, wenn Kinder handeln, das Gesehene beschreiben und die Handlung dann im Kopf vollziehen (Wartha & Schulz 2012). Aus dem „Stell dich davor“ muss ein „Stell dir vor!“ werden. Ein gutes Arbeitsmittel macht sich irgendwann selbst überflüssig.