Erste HilfeMathematik

Arbeitsmittel: weniger, aber besser

Das Material entscheidet mit, ob ein Kind zählt oder rechnet. Eine einzige Frage genügt, um jedes Arbeitsmittel zu beurteilen.

Wie viele? – zählenWie viele? – man sieht es: 5 und 2
Weniger ist mehr

Lädt das Material zum Zählen ein – oder zum Sehen?

Kaum ein Klassenzimmer ist arm an Material: Rechenrahmen, Steckwürfel, Glassteine, Wendeplättchen, Zehnersystemmaterial, Zahlenstrahlen. Lange galt: Je mehr Materialien ein Kind kennenlernt, desto besser. Heute weiß man, dass eher das Gegenteil zutrifft (Wittmann 1993).

Jedes neue Material ist für Kinder zunächst zusätzlicher Lernstoff (Lorenz 1992). Kinder mit Schwierigkeiten brauchen nicht viele Bilder, sondern ein Bild, das sie wirklich im Kopf sehen können.

Sieben Kriterien für gutes Material

  1. Struktur: Fünfer- und Zehnerstruktur sind sofort sichtbar.
  2. Simultane Erfassung: Anzahlen sind ohne Abzählen erkennbar.
  3. Operationen: Auch Zerlegungen und Rechnungen lassen sich zeigen.
  4. Fortsetzbarkeit: Trägt von 10 über 20 und 100 bis 1000.
  5. Stimmigkeit: Passt zu der Vorstellung, die entstehen soll.
  6. Vorstellbarkeit: Lässt sich im Kopf „nachbauen“.
  7. Handhabbarkeit: Das Kind kann selbst damit umgehen.
Das strukturierte Punktefeld

Ein Material vom ersten Schultag bis zum Einmaleins

Punkte in Reihen, nach jeweils fünf durch Lücke oder Farbwechsel gegliedert. Gerade in dieser Schlichtheit liegt die Stärke. Zehnerstreifen, Zwanzigerfeld, Hunderterfeld und Tausenderfeld haben dieselbe innere Logik.

ohne Gliederungmit Fünfergliederung
Die Kraft der Fünf: Acht oder zehn? Ohne Gliederung muss man zählen, mit Fünfergliederung sieht man es (Krauthausen 1995).
5+ 310− 2
Die Zehn von zwei Seiten: Die 8 ist 5 und 3 – und zugleich 2 weniger als 10. Das ist die Grundlage für den Zehnerübergang.
3 volle Reihenund 4 PunkteZE34
Stellenwerte: Die 34 im Hunderterfeld – drei volle Reihen und vier Punkte.
5 · 7 = 351 · 7 = 76 · 7 = 42
Einmaleins: Mit dem Malwinkel wird 6 · 7 als 5 · 7 plus 1 · 7 sichtbar.
Finger als natürliches Punktefeld

Nicht die Finger sind das Problem – das Abzählen ist es

Fünf Finger an jeder Hand: Das ist die Kraft der Fünf, die jedes Kind immer dabeihat. Ziel ist, Zahlen als Fingerbilder „auf einen Griff“ zu zeigen. Die 8 ist eine ganze Hand und drei Finger, ohne dass ein Finger einzeln gezählt wird.

Punktefeld und Fingerbilder stützen sich gegenseitig, weil sie dieselbe Struktur haben (Höveler et al. 2022).

5 und 3 – „auf einen Griff“

So wird das Punktefeld zum Denkwerkzeug

  • Blitzblick: Ein Feld nur ein bis zwei Sekunden zeigen. Wer zu lange hinsieht, beginnt zu zählen.
  • Nach dem Wie fragen: „Wie hast du es gesehen?“ – „Fünf oben und drei unten.“
  • Von links und lückenlos legen, Reihe für Reihe. So entsteht stets dasselbe Bild.
  • Zwei Farben nutzen: die ersten fünf rot, die nächsten fünf blau.
  • Mit wenigen Handgriffen: Fünferstreifen statt Einzelplättchen.
  • Abdecken und vorstellen: „Mach die Augen zu. Wie sieht die 8 aus?“
Aus der Förderpraxis

Wenn ich mit einem Kind zum ersten Mal Punktestreifen „blitze“, zählt es fast immer zuerst – mit den Augen, manchmal mit leise bewegten Lippen. Oft schon nach kurzer Zeit kommt dann ein Moment, auf den ich jedes Mal warte: Das Kind sagt „sieben“, bevor es überhaupt hätte zählen können. Auf die Frage, wie es das wusste, kommt: „Na, fünf und zwei!“

Dieser Moment ist oft der Anfang vom Ende des zählenden Rechnens.

Das Dienes-Material auf dem Prüfstand

Anschaulich – aber für den Stellenwert die zweitbeste Wahl

Einerwürfel, Zehnerstange, Hunderterplatte: Das Material zeigt eindrucksvoll, wie viel ein Hunderter ist. Gerade Kindern mit Rechenschwierigkeiten hilft es aber oft weniger, als viele glauben.

3Hunderter= 3003Zehner= 303Einer= 3
Das Positionsprinzip: Dreimal dasselbe Zeichen, dreimal ein anderer Wert. Allein die Stelle bestimmt ihn.
Größe zeigt den WertOrt zeigt den WertHZE
Zwei Botschaften: Beim Dienes-Material zeigt die Größe den Wert. In der Stellenwerttafel mit gleichen Plättchen zeigt der Ort den Wert – wie in unserer Zahlschrift.

Man kann es abzählen

Eine Zehnerstange besteht sichtbar aus zehn Würfeln. Für ein Kind, das ohnehin zählt, ist das eine Einladung.

Ohne Fünferstruktur

Sieben Einerwürfel kann man nicht „sehen“. Das Hunderterfeld setzt das Zwanzigerfeld dagegen bruchlos fort.

Lücke zur Ziffer

Kinder handeln mit dem Material oft korrekt, ohne es mit der geschriebenen Zahl zu verbinden (Resnick & Omanson 1987; Ross 1989).

Dienes-MaterialHunderterfeldStellenwerttafel mit gleichen Plättchen
Bündelung sichtbarjaja (volle Reihe = Zehner)ja, durch Tauschen 10 gegen 1
Positionsprinzipnein, Größe trägt den Wertteilweiseja, der Ort trägt den Wert
Fünferstrukturneinjaentfällt
Lädt zum Abzählen einjawenig, bei richtigem Einsatzwenig
Anschluss an Zwanzigerfeldneinbruchlosgut
Gut vorstellbarmittelgutgut

Beim Dienes-Material zeigt die Größe den Wert. In unserer Zahlschrift zeigt der Ort den Wert.

Weitere Materialien im Check

Rechenrahmen, Zahlenstrahl und Co.

einfarbig: 7 muss man zählenFarbwechsel nach 5: 7 sieht man

Der Rechenrahmen

Besonders sinnvoll mit sichtbarer 5er-Struktur – und wenn Zahlen mit wenigen Zügen eingestellt werden: die 7 mit einem Schub von fünf roten und zwei blauen Kugeln.

051015207Die 7 ist hier ein Ort, keine Menge

Der Zahlenstrahl

Er zeigt Zahlen als Orte in einer Reihenfolge – genau die Sicht, die zählende Kinder ohnehin haben. Im Anfangsunterricht kommt er zu früh. Später, etwa als Rechenstrich bis 1000, ist er sehr nützlich.

Motivationsmaterial ohne Strukturbezug

Rechenmandalas, Malblätter mit Lösungsbildern und viele Würfelspiele verpacken Aufgaben attraktiv – ändern aber nichts daran, wie das Kind rechnet. Ein zählendes Kind zählt beim Ausmalen weiter.

Steckwürfel lassen sich gut nutzen, wenn sie konsequent zu zweifarbigen Fünfer- und Zehnerstangen zusammengesteckt werden.

Übersicht

Zählen oder Sehen?

Wenig wirksam bis hinderlichTragfähig und empfohlen
Lose Plättchen, Glassteine, einzelne SteckwürfelStrukturierte Punktefelder mit Fünfergliederung
Dienes-Material für zählende KinderStellenwerttafel mit gleichen Plättchen und Tauschspielen
Einfarbige Rechenrahmen und PerlenkettenRechenrahmen mit Farbwechsel, mit wenigen Zügen eingestellt
Zahlenstrahl im AnfangsunterrichtBlitzblick-Übungen mit Begründung
Finger als dauerhafte ZählhilfeStrukturierte Fingerbilder
Rechenmandalas, Malblätter, Würfelspiele ohne StrukturbezugZahlzerlegung als eigenes Thema: Schüttelbox, Zerlegungshäuser
Drill-Apps mit BelohnungssystemPunktefeld und Malwinkel für das Einmaleins
Für Schulen: Aussortieren lohnt sich

Sichten Sie die Materialbestände gemeinsam im Kollegium nach der Leitfrage „Zählen oder Sehen?“. Weniger Material im Regal bedeutet mehr Klarheit im Kopf – bei den Kindern wie bei den Lehrkräften.